Neutellheim

Im Spätherbst 1865 hatte Bayernkönig Ludwig II. eine Idee. Nach einer Aufführung von Schillers Tell wollte er unbedingt die Originalschauplätze aufsuchen. Tagelang hielt er sich am Vierwaldstädtersee auf und liess sich von der Landschaft verzaubern. Schliesslich wollte er das Rütli kaufen und drauf ein Schloss errichten. Die Urner schwankten, aber sie fielen nicht… Sie boten Ludwig stattdessen die Ehrenbürgerschaft an, was der düpierte Bundesrat zu Bern mit dem Argument verhinderte, dass es eine doppelte Staatsbürgerschaft nicht geben könne und ein bayrischer König könne ja nicht seine bayerische Nationalität aufgeben.

Aber stellen wir uns doch einmal vor, Ludwig II. hätte das Rütli gekauft und Neutellheim darauf errichtet. Eine Monstrosität fürwahr, aber heute eine Touristenattraktion ersten Ranges. Das ist eine hübsche und amüsierende Spekulation. Ich liebe „Was wäre wenn“-Geschichten und habe deshalb auch mit Vergnügen ein Buch über kontrafaktische Geschichte geschrieben und den rein sachlichen Teil mit einigen Erzählungen garniert.

Seit Jahren spukte mir im Zusammenhang mit dem „Märchenkönig“ eine andere, ernsthaftere alternativgeschichtliche Fiktion im Kopf herum. Was wäre gewesen, wenn Ludwig II. es geschafft hätte, Bayern und vielleicht andere süddeutschen Staaten aus dem Krieg Preussens mit Frankreich in den Jahren 1870 und 1871 herauszuhalten. In den Jahren ist daraus eine veritable Geschichte geworden, immer wieder habe ich daran geschrieben. Und jetzt sind die Memoiren eines fiktiven bayerischen Geheimdienstchefs über die Jahre 1863-1870 fertig, in der die Geschichte unmerklich anders verläuft. „Schau mer mal“, was aus diesem alternativgeschichtlichen Projekt wird …

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